Die zwei Engelschwander

Engelschwand gehörte früher zur Pfarrei Görwihl, die sich weit in den hinteren Hotzenwald erstreckte. Der Weg von Engelschwand nach Görwihl beansprucht zu Fuß etwa 1 1/2 Stunden, im Winter zwei Stunden. 
Da war es einmal des Sonntags mitten im Winter. Die Winterstürme tosten über den Hotzenwald. Das Dorf Engelschwand war ganz in Schnee eingebettet, die Wege waren verweht. Kein Mensch wagte sich vor das Haus. Nur zwei Engelschwander rafften sich auf und machten sich trotz dem Schneesturm auf den Weg, um den Sonntagsgottesdienst in Görwihl zu besuchen. Dort angekommen, trafen sie den Pfarrer vor der Kirche. Dieser war verwundert, als er sie sah und grüßte sie. Die Engelschwander aber berichteten mit einigem Stolz: sie seien die zwei einzigen, die den Weg nach Görwihl gewagt hätten. Darauf meinte der Pfarrer: "Jo, ihr sind die zwei einzige, aber wellewäg au die zwei Dümmste".

Der rote Strolch

Ein Gastwirt in Görwihl hatte einen Knecht, der beim Fuhrwerken mit den Pferden gerne fluchte. Da gab es sich, daß der Knecht eines Tages mit seinen Pferden in der nähe des Pfarrhofes beschäftigt war.
 Neben dem Pfarrhof wohnte der Bürgermeister, der einen roten Vollbart trug. Er galt als sehr streng und war bei manchen nicht beliebt. Die Leute nannten ihn deshalb den "roten Strolch", wenn sie glaubten, daß er es nicht gerade hörte. 
Da fluchte der Knecht wieder einmal um seine Rosse herum. Der Bürgermeister kam hinzu, rügte ihn und gab dem Knecht alle Schimpf- und Spottnamen. Da wurde der Knecht wild und fuhr den Bürgermeister an: - "Leck mi du verdammte, rote Strolch." 
Pfarrer Döbele, der abseits beim Pfarrhaus stand, hatte das Gespräch mit angehört. Der Knecht merkte dies hernach und bekam es mit der Angst zu tun, weil er fürchtete, der Pfarrer werde dies seinem Herrn und Meister erzählen und er bekäme dann einen "heruntergerissen". 
Der Meister war ein Gastwirt, bei dem der Pfarrer gern seinen Schoppen trank, Tatsächlich kam Pfr. Döbele auch bald in das Gasthaus, wo der Knecht in der Küche sein Essen einnahm, Der Pfarrer fragte gleich den Wirt: - "Wo hast du deinen Knecht?" 
Dieser war erstaunt und erkundigte sich, was dieser denn wieder angestellt habe. Der Pfarrer erwiderte: "De Knecht trinkt drei Schoppe Bier uff mi Rechnig, wel er emol dem Bürgermeister de Standpunkt klar gmacht hät."

Die Beichte

Ein 45jähriger Ehemann erschien einmal in Görwihl in der Kirche bei seinem Pfarrer zur Beichte und gestand ihm, daß er seine alte 70jährige Mutter - "eine alte Schachtel" genannt habe. Darauf meinte der Pfarrer: - "Do isch nit viel z'mache, sie isch nümme jung."
Ein anderes Mal erschien ein Bäuerlein, das alljährlich ein Schwein mit 180 Pfund schlachtete und nun beichtete, daß er am Freitag Speck gegessen habe. Doch der Pfarrer lächelte und erwiderte: "Wenn du so wiiter machsch, so wirsch dii Säuli bald g'gesse ha."

Auf der Straße nach Strittmatt

Vom Sägmoos aus führte früher der alte Weg von Görwihl steil hinauf nach Strittmatt, bis dann die neue bequemere Straße gebaut wurde. 
Da kam der Pfarrer Döbele auf seiner Chaise mit seinem Schimmel davor dahergefahren und sah, wie eine alte Frau nicht die gute neue Straße benutzte, sondern auf dem steilen alten Weg mühsam hinanstieg. Der Pfarrer hielt an und fragte die Frau, weshalb sie nicht den bequemen Weg nähme, Diese antwortete: sie gehe gern den alten, steilen Weg, weil sie glaube, sie könne sich durch solche Beschwernisse auch größere Verdienste für die Ewigkeit erwerben. Da meinte der Pfarrer: - "Jo glaubet ihr, gueti Frau, daß de Herrgott au die Dummheit bezahlt?"

Der Sack an der Kirchentür

Ein Bauer hatte seinen Hof in einer Filialgemeinde von Görwihl verkauft und hatte einen neuen Hof in Görwihl erworben. 
Der Pfarrer Döbele fragte ihn dann einmal, warum er denn nach Görwihl übergesiedelt sei. Der Bauer entgegnete ihm, daß es ihm daran gelegen sei, näher bei der Kirche zu sein. Da gab der Pfarrer ihm zur Antwort: "Du dummer Kerl, da kannst du dir jetzt einen leeren Sack an die Kirchentür hängen, und wenn du wieder hinausgehst, ist er voll." Er wollte damit sagen, daß es mit dem Kirchgang allein nicht getan sei, auch auf die Lebensweise und auf die Arbeit käme es an.

Der Mann am Weg

Der Pfarrer traf einmal am Wegrand einen Mann, der betrunken war und dem es sehr "liederli" (schlecht) war. Der Pfarrer sprach ihn an und sagte zu ihm: - "Man sollte nie mehr trinken, als man vertragen kann." Jener aber meinte: - "Vertragen chönnt i's scho, aber 'swill nit bie'mer bliibe."

Die nächtliche Heimkehr

Pfarrer Döbele hatte einen Vikar namens Fichter. Dieser war ein Original wie der Pfarrer; beide waren aus dem gleichen Holz geschnitzt, und sie verstanden sich sonst, gut. Doch der Vikar war ein Kaiserstühler. Er stammte aus Achkarren und sprach daher gern einem guten Tropfen zu. Er war auch als Gesellschafter überall gern gesehen. 
Doch eines Abends, als er im Dorf war, wurde es spät. Es war schon über 12 Uhr nachts, und der Vikar war noch nicht zurück. Da schloß der Pfarrer das Pfarrhaus ab, und der Vikar, der keinen Hausschlüssel hatte, kam nicht ins Haus. Da klopfte er dem Pfarrer und bat um Einlaß. Der Pfarrer hörte dies wohl, dachte aber der bleibt jetzt noch etwas draußen, wäre er früher heimgekommen. Doch der Vikar ließ nicht nach und klopfte ohne Unterlaß. 
Der Pfarrer kam schließlich ans Fenster und fragte: "Was ist da unten?" Der Vikar meldete sich, doch der Pfarrer erwiderte: "Wärst du früher heimgekommen, jetzt mach ich nicht mehr auf." Da stand denn der Vikar in finsterer Mitternacht draußen vor dem Pfarrhof. 
Da dachte er sich: Jetzt mußt du aufs Ganze gehen und alle Register ziehen, und er klopfte weiter, so heftig er konnte. Als das Fenster oben wieder aufging, rief er hinauf: "Herr Pfarrer, wenn Sie mich jetzt nicht augenblicklich hereinlassen, dann werde ich am Sonntag predigen, daß es keine Teufel mehr gäbe." Nach einer Weile kam dann endlich eine Stimme von oben herab: "Wart emol, i mach uff."

Der "nette" Vikar und der Versehgang nach Segeten

Ein guter Freund des Pfarrers J. Döbele war Pfarrer Ginshofer, den er 1855 im Kinzigtal kennenlernte, als er selbst noch Vikar in Oberwolfach war. Ginshofer war 1845/46 als Vikar auf dem Hotzenwald in Görwihl tätig gewesen. Von ihm, erzählt Pfarrer Döbele, in seiner Görwihler Pfarrchronik folgende ergötzliche Geschichte, die zugleich zeigt mit welchen Schwierigkeiten und Strapazen damals die Seelsorge in den weitläufigen Pfarreien des Hotzenwaldes verbunden war.
In den Jahren 1845/46 war es üblich, daß sich die Geistlichen der Hotzenwaldpfarreien Görwihl, Niederwihl, Hochsal, Birndorf und Unteralpfen jeden Montag in der "Krone" zu Tiefenstein im Albtal trafen. Da der damalige Pfarrer von Görwihl kränklich war, fiel ein großer Teil der Seelsorgearbeit auf den Vikar. So hatte der Vikar Ginshofer am Sonntag jeweils eine harte Arbeitswoche hinter sich. 
Er freute sich daher auf die heiteren und geselligen Stunden, die ihn am Montagnachmittag in Tiefenstein erwarteten, bei denen er oft Lieder in Gitarrebegleitung vortrug. Er war ein großer Freund der Musik und beherrschte meisterhaft die Violine.
Der Vikar Ginshofer war zudem eine flotte und gute Erscheinung; trug lockige, lange Haare und war wegen seines Humors, seiner Liebenswürdigkeit und Geselligkeit überall geschätzt. Er verfügte über eine wohlklingende Stimme und war ein fesselnder und guter Prediger. 
Eines Sonntags hatte er bereits für den Montagnachmittag alles vorbereitet. Doch da fiel in der Nacht Schnee, und es schneite am Montag den ganzen Tag. 
Da läutete um 9 Uhr morgens plötzlich die Hausglocke, und der Vikar wurde in die Filialgemeinde Engelschwand zu einem Kranken gerufen. Der Weg dorthin war im Winter sehr beschwerlich und erforderte fast zwei Stunden. Doch der Vikar machte sich auf den Weg und kehrte nach einem strapaziösen Hin und Rückmarsch erst gegen zwei Uhr mittags ins Pfarrhaus zurück, als der Pfarrer bereits das Haus verlassen hatte. 
Eilig setzte er sich hin und nahm das Mittagessen ein, um den rebellisch gewordenen Magen zu beschwichtigen. Doch wie er beim Essen saß, und sich im Stillen bereits auf die frohen Stunden in Tiefenstein freute, läutete die Hausglocke abermals, und es trat herein ein Bauernmädchen im Sonntagsstaat und richtete aus: "Herr Vikar, Sie sollen zum Versehen kommen ins Filial nach Segeten. Unsere Mutter hat Verlangen nach Ihnen und wissen Sie, sie ist eben schon alt und schwach, und man weiß halt nit, wie es zugehen kann."
 "Donner und Doria, jetzt ist der ganze Tag dahin" brummte der Vikar in seine große Suppenschüssel hinein, nachdem er diesen Bescheid vernommen. "Doch was hilft's, du mußt halt gehen" sagte ihm sein besseres Ich. "Und du mußt gehen, und wenn es Frösche hagelt, wie einst im alten Ägypten." 
So machte er sich mit dem Mesmer auf den Weg, und die beiden stampften wieder über den tief verschneiten winterlichen Hotzenwald hinauf nach Segeten, das nach etwa 1 1/4 Stunden Marsch erreicht wurde.
Als die beiden das Haus der Kranken in Segeten betraten, schien es leer zu sein. Niemand meldete sich. Da rief der Vikar: "He, ist niemand zu Hause?" "Hä doch" rief endlich ein altes Weibchen hinter dem Ofen hervor. "Sind sie öbbe de Herr Vikar?" "Und wo ist jetzt die Kranke, die ich versehen muß?" fragte der Vikar. "Hä, da bin ich" "Wüsse Sie, Herr Vikar, i bi ällai deheim, alli Chinder sind zum Tanz, weI hüt Fasnet isch. Doch do hänt sie mir scho vielmol gsait, mer hätte z'Gerbel (Görwihl) so en schöne Vikari und i han en halt no nie chöne g'seh, wel i im Winter nümme i d'Chille (Kirche) go chan. Und do hani halt zue de älteste Tochter gsait, wo sie gange isch: Gang, wenn du uff Gerbel chunsch, bevor du in de Adler gosch, au ins Pfarrhuus und sag dem Herr Vikar en schöne Grueß vo mir, und er söll au so guet si und söll cho, mi z'verseh, denn i möcht en doch au emol seh. Er cha mir deno e wäng Unterhaltig verschaffe, denn es isch halt gar so langwiilig, wäm mer so ganz mueterseele älai deheim mueß si."
Auf diese Auskunft war der Vikar Ginshofer nicht gefaßt. Er war verduzt, und sein Gesicht wurde länger und länger. Seine Augen sprühten, und er fuhr sich durch die Haare. Er erfüllte seine Pflicht, doch seine Mienen konnten eine gewisse Verwunderung und Verstimmung nicht verbergen. 
Als er dann in der Abenddämmerung den Rückmarsch wieder antrat, dachte er sich: "So muß man hier dafür büßen, daß einem der Herrgott, wie die Leute meinen, ein gutes Aussehen gegeben hat." und ein Seufzen kam über seine Lippen: "O diese Hotzen, diese Hotzen!"*)

*) E. Ginshofer war in den Fünfziger-Jahren des vergangenen Jahrhunderts lange Zeit als Pfarrer in Wolfach tätig und wirkte später als Stadtpfarrer und Dekan in Radolfzell, wo er am 17. Mai 1879 starb.

Quelle:
Badische Heimat
Ekkhart
Jahrbuch für das Badner Land 1967

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