Josef Döbele

Ein Wort zum Gedenken an den Hotzenpfarrer (gest. 1904)

 Von Leopold Döbele, Säckingen

Quelle:
Badische Heimat
Ekkhart
Jahrbuch für das Badner Land 1967

Am 12. Oktober 1964 waren es 60 Jahre, seitdem Pfarrer Josef Döbele starb und neben der Kirche zu Görwihl seine letzte Ruhestätte fand. Doch obwohl seitdem sechs Jahrzehnte dahin gegangen sind, ist die Erinnerung an diesen Mann auf dem Görwihlerberg noch frisch und lebendig geblieben. 

Dies kann nur so zu erklären sein, daß das Leben und Wirken dieser Persönlichkeit solch nachhaltige Spuren hinterließ, daß das Gedenken an ihn über zwei schicksalsschwere Weltkriege hinweg bis heute der Nachwelt erhalten blieb.
In der Tat gehört Pfarrer Josef Döbele zu jenen Persönlichkeiten, denen der Hotzenwald viel zu verdanken hat. Er war selbst ein Sohn seiner Hotzenwälder Heimat, war er doch am 19. März 1826 in der alten Einungsgemeinde Murg geboren. Seine Eltern waren schlichte, fleißige Bauersleute in Murg. Sein Vater Sebastian Döbele war Landwirt und sein Bruder erbaute und betrieb das "Bierhaus" beim Bahnhof in Murg. Josef Döbele studierte, wurde Geistlicher und wirkte als Vikar und Pfarrverweser in verschiedenen Pfarreien Badens, bis er am 20. Mai 1875 als Pfarrer nach Görwihl kam. Nahezu 30 Jahre war er als Pfarrer auf dem Görwihlerberg tätig, und er hat in dieser Zeit in kultureller, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht viel Verdienstvolles für den Wald geschaffen.

Als Pfarrer Josef Döbele damals nach Görwihl kam, fand er keine erfreulichen Verhältnisse vor. Görwihl war zwar eine große und begüterte Pfarrei, aber der Wald war arm. Als Pfarrer war er zunächst bemüht, seine Pfarrei in religiöser und kultureller Hinsicht zu fördern, das heimische Volkstum zu pflegen, den Heimatsinn zu mehren und das Volk vor Entwurzelung zu bewahren. Er verstand es, in der Seele des Waldvolkes zu lesen und sich in seine Art einzuleben. Er nahm am Schicksal jedes Einzelnen Anteil, sprach jeden mit dem trauten "Du" an und unterhielt sich mit den Leuten in der heimischen Mundart. Immer hatte er einen Witz auf der Zunge, und noch heute sind unzählige Anekdoten von ihm im Umlauf.

Er war zwar herb und derb wie ein Hotze und war wegen seiner Strenge oft gefürchtet, aber auch ob seiner väterlichen Besorgtheit für alle menschlichen Anliegen und Belange geachtet und verehrt. 
Sein Wirken fußte auf dem Grundsatz: "Ora et labora" "Bete und arbeite", wobei er besonderen Wert auf die Arbeit legte, verbunden mit einem Leben in Einfachheit, Bescheidenheit und Sparsamkeit, wofür er allen selbst das beste Beispiel gab. Doch in seinem Wirken als Pfarrer erkannte er bald, daß alle Seelsorgetätigkeit auf dem Walde nur dann Erfolg haben könne, wenn es gelänge, die große Not hier zu bannen, denn wer nichts sein eigen nennen kann, in der Not versinkt und durch sie entwurzelt wird, dem können auch Religion, Volk und Heimat nicht lieb und wert sein. Diese Erkenntnis und sein gesunder realer Sinn, führten Pfr. J. Döbele bald dazu, alles daran zu setzen, um die materiellen Lebensbedingungen der Hotzenwälder Bevölkerung zu verbessern.
Die Notlage auf dem Walde war damals sehr groß und ungemein schlimmer als heute (1967). Seit den 40iger und 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts war der Hotzenwald ein Notgebiet, in dem die Armut die Bewohner ständig zur Abwanderung zwang.

Viele Hotzenwälder gingen damals nach Amerika. In Herrischried wanderten in den Jahren von 1850 - 1860 ein Drittel der Gemeinde aus, und Görwihl, das 1839 noch 1278 und 1852 - 1198 Einwohner zählte, hatte 1880 noch 962 und 1890 sogar nur noch 836 Einwohner. Zwischen 1852 - 1890 war der Bevölkerungsstand um 362 Einwohner abgesunken.
Es fällt heute vielfach schwer (1967), die damaligen Notzeiten zu verstehen, denn die heutigen Verhältnisse sind mit jenen vor hundert Jahren kaum noch vergleichbar. Seitdem es eine "Hotzenwaldhilfe" gibt, wurde im Verlauf der letzten zehn Jahre von seiten des Staates viel getan, um der wirtschaftlichen Not auf dem Hotzenwald zu steuern. Es wurden gute Straßen gebaut, es wurden vorbildliche Schulen errichtet und die Gemeinden mit Wasserleitungsanlagen ausgestattet, es wurde vieles zur Förderung der Landwirtschaft, von Gewerbe und Industrie und für die Entfaltung des Fremdenverkehrs getan. Es besteht kein Zweifel, daß der Staat in unserer Zeit im Rahmen der Hotzenwaldhilfe ganz beachtliche Opfer für den Wald gebracht hat.

Doch damals in den Jahren von 1860 bis 1890 wurde von seiten des Staates für diese Notstandsgebiete nichts unternommen. Die Wirtschaftspolitik des Staates war in jener Zeit zu sehr auf die Förderung der Industrie in den großen Industriegebieten und auf eine erfolgreiche Außenhandelspolitik eingestellt. Die Landwirtschaft, besonders in den Notstandsgebieten, blieb sich ganz selbst überlassen. Der Hotzenwald galt damals nicht nur als die ärmste, sondern auch als die verschrienste Landschaft des badischen Landes.

Die ersten, denen der Verdienst zufällt, den Hotzenwald in das rechte Licht gestellt zu haben, waren Josef Viktor v. Scheffel, der in seiner Säckinger Zeit (1850/51) seine prächtigen "Briefe" vom "Hauensteiner Schwarzwald" niederschrieb und der bekannte Volksschriftsteller Heinrich Hansjakob, der 1867 in Waldshut seine historische Schrift über die "Salpeterer" veröffentlichte. Doch sein Freimut und sein Eintreten für den Hotzenwald wurden missverstanden und führten dazu, daß Hansjakob seines Postens als Leiter der Bürgerschule (Gymnasium) Waldshut enthoben wurde. Er kam dann als Pfarrer nach Hagnau am Bodensee. Doch Pfr. Hansjakob und Pfr. Josef Döbele waren gute Freunde. H. Hansjakob hat seinen alten Freund auf dem Hotzenwald immer wieder gern besucht. Noch im Jahre 1904 schreibt er von seiner Reise durch die Schweiz zurückkehrend in seinem Buch "Alpenrosen mit Dornen" (S. 428) über seinen Freund: "Im Schwarzwald drüben erblickte ich jetzt auch das auf der Höhe gelegene Dorf Görwihl, wo mein alter Freund, der greise Pfarrer Döbele, seit mehr als 25 Jahren haust." 

In den Jahren von 1875 - 1890 hatte die Notlage auf dem Hotzenwald besonders schlimme Formen angenommen. Die Getreide und Viehpreise galten wenig. Die Grundstückspreise sanken derart, daß man um wenig Geld ansehnliche Höfe und Waldungen erwerben konnte. Die Verschuldung der landwirtschaftlichen Anwesen nahm krasse Formen an. Viehhändler und private Geldgeber zogen über den Wald und liehen ihr Geld gegen Wucherzinsen aus, die manchmal 20 - 30 % betrugen. Viele Bauern waren nicht mehr in der Lage, ihre Höfe zu halten und waren gezwungen abzuwandern. 

Da brachte ein Mann Hilfe in größter Not, dies war unser Pfarrer Josef Döbele. Er sah das Elend und die hilflose Verbitterung im Volk. Er griff rasch zu, hielt überall Versammlungen ab und warnte vor jenen, die die Notlage auf dem Wald auszunutzen versuchten. Er gründete den ersten landwirtschaftlichen Verein in Görwihl und klärte die Bauern auf in allen landwirtschaftlichen Fragen. Er errichtete 1882 die Obstbaugenossenschaft in Görwihl, die heute noch besteht (1967), und schuf im gleichen Jahre (1882) in Görwihl die erste Sparkasse auf dem Hotzenwald, den Kreditverein Görwihl. Der Pfarrer ging selbst mit gutem Beispiel voran, legte sein eigenes Kapital in dieser Sparkasse an, andere folgten seinem Vorbild, und bald zählte diese Sparkasse über 100 Einleger. So war sie bald in der Lage, Kredite auszugeben und die bedrohten bäuerlichen Anwesen abzulösen und aus ihrer Schuldennot zu befreien. So leitete der mutige Hotzenpfarrer die erste Notstandsaktion auf dem Hotzenwald ein, die allerdings ganz auf der Selbsthilfe beruhte. Der Erfolg blieb nicht aus. Es machte sich auf dem Görwihlerberg in allen Bereichen eine erhebliche Verbesserung in der Landwirtschaft bemerkbar: im Getreideanbau, in der Viehwirtschaft, und die Schweinezucht wurde eine wichtige Einnahmequelle für die Bauern. Auf der Röthe in Görwihl wurde eine Obstbaumschule angelegt, die eine wesentliche Förderung des Obstbaus auf dem Wald zur Folge hatte. Sodann trat Pfr. Döbele auch gegen die Unsitte des Schnapstrinkens auf, und er verschaffte den Bauern in seinem "Heidelbeerwein" einen guten und gesunden Haustrunk. 

Die Förderung des gewerblichen Lebens in Handwerk, Heimarbeit und Industrie lag ihm sehr am Herzen, und selbst auf die Hebung des Fremdenverkehrs auf dem Wald war er schon bedacht, denn im Jahre 1900 gründete er in Görwihl eine der ersten Ortsgruppen des Schwarzwaldvereins auf dem Hotzenwald, der die Aufgabe gestellt war, die Schönheit der Hotzenwaldlandschaft für den Fremdenverkehr zu erschließen.
So entfaltete Pfarrer Döbele zu seiner Zeit eine wahrhaft segensreiche Tätigkeit für den Wald und für den Görwihlerberg. Er erwies sich als ein Wohltäter des Volkes in bitterer Not, und sein Wirken steht am Anfang aller Notstandsmaßnahmen für den Hotzenwald. Wenn wir deshalb nach sechs Jahrzehnten an seinem Todestag seiner gedenken und zu seiner Ehre eine Heimatstube in Görwihl errichteten, so ehren wir in ihm den Mann des Volkes und den Mann, der für seine Hotzenwälder Heimat viel Bedeutendes geleistet hat.
Solche Heimatstuben sollen dem Gedenken an Persönlichkeiten, die sich für ihre heimische Landschaft in besonderer Weise verdient gemacht haben, gewidmet sein. Sie sollen aber zugleich auch eine Heimstätte und Sammelstätte sein, in denen sich die Freunde der Heimat treffen und begegnen, Wissen und Erfahrungen austauschen, um dadurch den Heimatgedanken in ihren Gebieten lebendig zu erhalten.

 

Quelle:
Badische Heimat
Ekkhart
Jahrbuch für das Badner Land 1967

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