Dr. theol. h. c. Jakob Ebner,

der Hotzenpfarrer und Heimatforscher

Von Hans Matt-Willmatt, Bannholz

In dem landschaftlich so reizvollen Leiterbachtal, das nach Tiefenstein zum Hauensteiner Albtal verläuft, liegt das alte Dorf Unteralpfen, die Heimat des Hotzenpfarrers, Geschichts- und Heimatforschers Dr. Jakob Ebner. Wie aus einem Blütenmeer schaut zur Frühlingszeit die schmucke Dorfkirche mit ihrem romanischen Turm über das sonnige und freundliche Tal. Am 17. Februar 1873 ist Jakob Ebner hier geboren worden. Sein Vater war Bierwirt auf dem heutigen Gasthaus zur "Linde" und trieb neben der Landwirtschaft das Drechslerhandwerk um. Vom "Draier Fideli" in Unteralpfen, der als Schnefler, Schnitzer und Dreher ein Meister war, hatte er einst in jungen Jahren die Kunst der Schneflerei und Drechslerei gelernt. Während der Wanderjahre arbeitete er in München, Augsburg, Heidelberg, Mainz und Darmstadt, und als er wieder heim kam, richtete er sich eine eigene Drechslerwerkstätte ein und wurde bald auf dem ganzen Hotzenwald als Spinnraddoktor bekannt. Damals gehörte das Spinnrad noch zum Heiratsgut der Braut und der tüchtige Spinnraddoktor hatte immer zu tun, reparierte defekte Spinnrädchen und machte auch Weberschifflein für die Hotzenwälder Handweber. Im Mai 1870 heiratete er die Tochter Anna des Bierwirts oder "Bierfridli" Fridolin Maier, die ihm zehn Kinder schenkte. Jakob Ebner war das dritte Kind und hing wie alle seine Geschwister mit rührender Kindesliebe an Vater und Mutter. Des Vaters Werkstatt war ein Paradies für den kleinen Jaköble. Viel gab es da zu sehen und zu "bäschele", und wenn er auf die Trete eines Spinnrades stand, da schnurrte und surrte das Rädchen und drehte sich im Kreise. Mutter und Großmutter, die "Bier Rose", aber wußten Geschichten zu erzählen, von denen er nie genug hören konnte. Schon als Kind wollte er wissen, wie es früher war, und frug die alten Leute im Dorf und jene, die zum Vater ins Bierhaus kamen, nach vergangenen Zeiten. Mit wachem und heiterem Sinn schöpfte er aus der unversiegbaren Quelle, dem Volksmund, der in der Überlieferung köstlichstes Heimatgut bewahrt und von Geschlecht zu Geschlecht weiter vermittelt.

Die Liebe zur Heimat hatte ihn gepackt und diese bestimmte seinen Weg als Heimatforscher. Oberlehrer Hölzle, von dem er mit großer Hochachtung spricht, gab seiner Klasse einmal eine Hausarbeit auf. Jeder Schüler mußte einen Aufsatz schreiben und durfte sich dazu das Thema selbst wählen. Der Schüler Jakob Ebner schrieb damals die erste heimatgeschichtliche Arbeit "Die alte Mühle in Unteralpfen", und es war der beste Aufsatz der Klasse. Die Unteralpfener Erblehen-Mühle des einstigen Damenstiftes Säckingen trägt am steinernen Türbogen die Jahreszahl 1560 eingemeißelt. Ihre Geschichte aber ist älter, und in seinem ersten Buch "Eine Müllerdynastie im Schwarzwald" hat Jakob Ebner die interessante Vergangenheit der Mühle und ihrer Müller, besonders des Einungsmeisters und Redmanns Joseph Tröndlin, der ein aufrechter Gegner der Salpetererhändel war, sehr anschaulich und eingehend geschildert. Ein weiteres prächtiges Werk der Heimatliteratur wurde sein Buch "Aus der Geschichte des Hauensteiner Dorfes Unteralpfen". Von der ersten urkundlichen Erwähnung der beiden "Alpfen"-Dörfer, Ober- und Unteralpfen, im Jahre 850 an hat er mit Liebe und Sorgfalt alles zusammengetragen, was zu einer lebendigen Dorfgeschichte gehört. Er schildert darin auch das vorbildliche Leben und Schaffen einiger Männer, die Unteralpfen ihre Heimat nannten. Darunter ist Pfarrer Johann Baptist Vogelbacher, dessen Schriften über Bienenzucht und Landwirtschaft größte Beachtung fanden. Fidel Mutter, der "Draier Fideli" und seine Söhne, die Bildhauer und Ornamentschnitzer waren, finden ebenfalls mit dem hervorragenden Orgelbauer Konrad Albiez eine besondere Würdigung.

Die Eltern des jungen Jakob Ebner haben alles getan, um ihren zehn Kindern den Weg ins Leben zu ebnen. Im St. Konradskalender von 1953 setzte Jakob Ebner seinen tiefreligiösen Eltern dankbar ein schönes Denkmal. Von den Söhnen wurde Otto Professor und später Kreisschulrat und Friedrich, der Jüngste, Franziskanerpater in Mannheim. Jakob Ebners Wunsch, Seelsorger zu werden, ist nach seinem Theologiestudium an der Universität Freiburg i. Br. mit der Priesterweihe am 1. Juli 1897 in St. Peter erfüllt worden. Am 4. Juli feierte er im Heimatdorf seine Primiz. An der Universität widmete er sich bei Universitätsprofessor Alois Schulte auch dem Geschichtsstudium. Seine ersten Vikarstellen waren das hochgelegene Unadingen im Schwarzwald und Stühlingen im Wutachtal. Um 1900 kam er als Pfarrverweser nach dem alten Seedorf Sipplingen am Überlinger See, in dessen Nähe ihn die Burg Hohenfels zum weiteren Forschen in der Geschichte begeisterte. Anschließend wurde er für zwei Jahre als Kaplaneiverweser nach Pfullendorf versetzt und Anfang Dezember 1903 bekam er vom Fürsten von Fürstenberg die Pfarrei Bietingen bei Meßkirch übertragen. Bald nach seiner Investitur entfaltete er hier eine segensreiche Tätigkeit. Als ein rechter Volkspfarrer hielt er in den Versammlungen der Vereine Vorträge zur Förderung der Landwirtschaft, über Bienenzucht und Obstbau, und durch heimatgeschichtliche Vorträge und Veröffentlichungen weckte er die Liebe zu Scholle und Heimat. Das Wohl seiner Pfarrkinder, denen er stets ratend und helfend zur Seite stand, lag ihm am Herzen. Hier brachte er auch seine Arbeiten über die Unteralpfener Mühle und sein Heimatdorf Unteralpfen zum Abschluß, die zu dieser Zeit als Buch erschienen sind.

Bestürzt waren seine Pfarrkinder, als sich' ihr Pfarrer zu Beginn des ersten Weltkrieges freiwillig meldete und wie die wehrpflichtigen Männer des Dorfes bald Abschied nehmen mußte. Als Landwehrmann erlebte er den Krieg im Schützengraben, und brachte es bis zum Feldwebel und zum E. K. I, vor der Wahl zum Offizier aber entschied er sich für seinen geistlichen Beruf und wurde dann Feldgeistlicher und Divisionspfarrer der 29. Infanterie- Division. Verwundeten und Sterbenden stand er tröstend bei und ebenso den Angehörigen, denen er oft aus den letzten Stunden ihrer Lieben Nachricht geben mußte. Viele alte Soldaten aber erinnern sich noch gern an ihren einstigen Divisionspfarrer, der ihnen in aller Not ein echter Kamerad war und dessen Volkstümlichkeit auch in den benachbarten Divisionen bekannt wurde. Nach dem Kriege kehrte er bis März 1921 nach Bietingen zurück und wurde dann als Oberpfarrer an das Männerzuchthaus nach Bruchsal berufen. Unermüdlich wirkte er hier dreizehn Jahre und hat vielen Gefangenen einen neuen Weg ins Leben weisen können, wofür ihm noch mancher von Herzen dankbar ist. Der eine oder andere hat sich und sein Schicksal durch ein im Zuchthaus gebasteltes Geschenk an den hilfsbereiten und guten Pfarrherrn lebendig erhalten. Im Jahre 1934 nahm Oberpfarrer Jakob Ebner Abschied von Bruchsal und ließ sich pensionieren. Von der Kirchenbehörde wurde ihm aber die Kuratie Grenzach zur Verwaltung angeboten, und so wurde er Pfarrer in Grenzach. Das nahe gelegene Basel mit seiner zweitausendjährigen Geschichte und seinen reichen urkundlichen Schätzen lockte ihn zu neuen geschichtlichen Forschungen. Von Bruchsal aus war der Weg nicht weit gewesen nach Karlsruhe, wo ihm Landesarchiv und Landesbibliothek mit wertvollem Urkundenmaterial zur Verfügung standen.

In die Bruchsaler Zeit fällt auch seine Reise zu den Nachkommen der Hotzenwälder Auswanderer im rumänischen Banat. Mit dem Dampfer "Helios" fuhr er die Donau hinunter, über Wien, Budapest und bis zum Eisernen Tor. Auf dieser erlebnisreichen und eindrucksvollen Fahrt besuchte er im Auftrag des Justizministeriums die Gefängnisse in Arad und Temesvar in Rumänien und in Ungarn das Staatsgefängnis in Budapest. Mit dem hervorragenden Vertreter der Ungarn- deutschen, dem 1933 verstorbenen Minister a. D. und Universitätsprofessor Dr. Jakob Bleyer in Budapest, dessen Ahn Hans Jörg Bleyer um 1780 von Au im Murgtal nach Ungarn ausgewandert war, war der Hotzenpfarrer freundschaftlich verbunden. Vor Ungarn- und Rumäniendeutschen hielt er Vorträge über die alte Heimat im Schwarzwald und andächtig lauschten sie auch seinen Predigten. Große Beachtung fanden seine nachfolgenden Veröffentlichungen in den Deutsch- Ungarischen-Blättern, die in Budapest erschienen sind.

Bald nach seinem 68. Geburtstag kehrte 1941 der verehrte und verdiente Sohn des Hotzenwaldes in sein Heimatdorf Unteralpfen zurück, dem er während seines ganzen Lebens die Treue gehalten hat. Er kam aber nicht heim, um auszuruhen, sondern um seine heimatgeschichtlichen Studien von Dorf zu Dorf abzuschließen und in Buchform herauszugeben. Dazu war er immer bereit, in der Seelsorgearbeit auszuhelfen. Als Vorsitzender des kirchlichen Gerichts wirkte er im Seligsprechungsprozeß der Schwester Ulrike Misch im Kloster Hegne mit, wo diese am 8. Mai 1913 gestorben ist.

Vor dem Krieg erschien 1933 "Die Geschichte der Ortschaften der Pfarrei Waldkirch" und 1938 ein Buch über die Pfarrei Birndorf. Nach dem Krieg kamen 1950 "Die Geschichte von Tiefenstein im Albtal" und 1952 "Aus der Geschichte des Görwihler Berges" heraus. Im gleichen Jahr schrieb Dr. Jakob Ebner. "Die Salpeterer im 18. und 19. Jahrhundert". In anderen Büchern werden Luttingen, Oberwihl, Niederwihl, Rüßwihl, die Geschichte der Pfarrei Hochsal und seines früheren Wirkungsortes Grenzach sehr sorgfältig behandelt. Seine zahlreichen Bücher und unzähligen Veröffentlichungen in namhaften Zeitschriften, Kalendern sowie der Heimatpresse sind ein überaus wertvoller Beitrag zur Gesamtgeschichte des Hotzenwaldes. Bis jetzt sind aus seiner Feder über ein Dutzend Heimatbücher erschienen, es würde aber einen ganzen Band füllen, wollte man die heimatgeschichtlichen Beiträge aus seinem gesegneten Forscherleben aufzählen.

Dem Hotzenpfarrer Dr. Jakob Ebner, einem der besten Kenner der Hauensteiner Geschichte und der Salpetererbewegung, wurde für seine reichen Verdienste als Seelsorger und Heimatforscher manche Ehrung zuteil. Von Erzbischof Dr. Konrad Gröber wurde er 1937 zum Erzbischöflichen Geistlichen Rat und von der Universität Freiburg zum Ehrendoktor ernannt. Zehn Jahre später feierte er in Unteralpfen, das dem verdienstvollen Sohn der Gemeinde das Ehrenbürgerrecht verliehen hat, das Goldene Priesterjubiläum. Zu dieser Feier erschien auch der Oberbürgermeister der Stadt Bruchsal und dankte dem ehemaligen Pfarrer der Landesstrafanstalt für sein aufopferndes Wirken während dieser Zeit. Der Landesverband der Badischen Gefangenen- und Entlassenen-Fürsorge hat ihn zu seinem 80. Geburtstag in Anerkennung seiner Verdienste zum Ehrenmitglied ernannt. Damit verbunden ist Sitz und Stimme im Landesausschuß und in der Landesversammlung auf Lebenszeit. 1957 konnte Oberpfarrer Dr. Ebner in ungebrochenem Schaffensdrang das diamantene Priesterjubiläum feiern, das zu einem unvergeßlichen Fest für das ganze Dorf wurde. Vergangenes Jahr vollendete er das 85. Lebensjahr und bekam im Dezember durch Landrat Schäfer von Waldshut das Bundesverdienstkreuz mit einer Urkunde überreicht. Landrat Schäfer stellte das wertvolle, heimatverbundene Schaffen des greisen Hotzenpfarrers in den Vordergrund und überraschte den Geehrten als Ersten im Landkreis mit dem in Bronze gegossenen Wappen des Kreises Waldshut. Dr. Jakob Ebner trug an diesem Ehrentag seine Kriegsauszeichnungen, darunter das Eiserne Kreuz I. Klasse.

Als ihn der Doktor kürzlich frug, wie es mit dem Gehör sei, lachte der jetzt 86jährige und antwortete: "Ich hör noch immer viel zu viel!" Bei Wind und Wetter selbst geht er hinaus, um sich vom Schreibtisch zu erholen. Kürzlich schrieb er uns: "Bin noch arbeitsfreudig, Gott sei Lob und Dank! Wer rastet, der rostet. Manche Pläne harren noch der Vollendung." Mögen dazu Gesundheit und Schaffenskraft den aufrechten Historiker und Hotzenpfarrer Dr. Jakob Ebner auch im neunten Lebensjahrzehnt ungebrochen begleiten.  

Quelle:
Badische Heimat 1959 Heft 1
Hans Matt-Willmatt

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