zum download

Die Stimme des Abtes

Es ist nichts so Gutes in der Welt, welches nicht durch üble und boshafte Leute könnte verkehrt werden.
Es werden die Hauensteiner in Ewigkeit nicht dartun können, daß das Gotteshaus St. Blasien ihnen von ihren so vielfältig gerühmten alten Rechten und kaiserlichen Gnaden und Freiheiten auch nur das mindeste nehmen wollte. Aber wir haben auch Privilegien und uralte Rechte, wohl gesichert durch unzählige Pergamente, und von denen werden wir nicht abgehen.
Betrachten wir das Wappen der Grafschaft Hauenstein: Der unfruchtbare Tannenbaum zeigt von selbst an, wie diese innerlich beschaffen ist. Die Wurzeln versinnbildlichen die Privilegien und Freiheiten, welche die Wälder immer nur vorschützen. Der Stamm ist die Wahl der acht Mannen, wodurch sie sich gleichsam demokratisch selbst regieren. Sie sind ein V.Ö.-Landstand, haben Sitz und Stimme bei den breisgauischen Landständen und können die Steuern selbst einziehen. Die ungleichen, sich wider einander ausbreitenden und in die Höhe sich aufspitzenden Äste aber deuten die Ungleichheit an, welche zwischen den obergerichtlich-landesfürstlichen und den niedergerichtlich -bläsmischen Untertanen besteht. Der Gipfel zeigt das stete Streben der Hauensteiner beiderlei Art, sich frei zu halten. Der ganze Baum nun, der aus bläsmischem Grund und Boden seine Kraft und Nahrung aufsaugt und die allergnädigste Protektion von dem allergütigsten Erzhaus genießt, bringt seinem Ober- wie Niedergerichtsherrn kaum soviel Nutzen, daß die beiderseitigen Beamten bezahlt werden können. Dem aber ungeachtet, muß dieser Baum wie ein fruchtbarer Obstbaum konserviert, ja mit größerer Behutsamkeit als ein solcher kultiviert werden, weil nicht allein die Äste wegen ihrer Ungleichheit sich mächtig von selbst gegeneinander stoßen, sondern auch hauptsächlich, weil der starke Freiheitswind aus der nächst benachbarten Schweiz an den ganzen Baum heftig anbraust und öfters Getös, Tumult und Unruhen verursacht.
Aber warum müssen sie, wenn eine solche Unruhe ausbricht, gleich nach Wien laufen? -Warum müssen sie die Hofkanzlei und seine Allerhöchste, Allergnädigste Kaiserliche Majestät belästigen? - Wären sie gleich den guten Kindern zu ihrem Vater hierher nach St. Blasien gekommen, so hätten sie in all ihren Angelegenheiten und Nöten Rat und Hilfe gefunden. Aber sie sind halsstarrig in ihrem übermäßigen Drang nach Freiheit. Schuld an der Zerrüttung ist lediglich der sich immer mehr steigernde Hochmut, der mit vielen Freiheiten schwanger gehende Genius. Sie wollen der Obrigkeit nimmer gehorsam sein und unser Gotteshaus am Ende noch um alles bringen.
Was die Kaiser uns geschenkt, ist bestätigt durch gute Urkunden. Harte Arbeit und die Stiftungen frommer Männer und Frauen mehrten unser Vermögen. St. Blasien stand da als das einzige Licht in dieser herben Landschaft, ein Vorbild an Wissenschaft und Frömmigkeit. Ist es verwerflich, daß wir das Errungene in kluger Berechnung anlegten zur Mehrung des Wohlstandes? Sollten wir unsere Pfunde vergraben?
Wir erwarben die Niedergerichte: Birndorf 1271 von dem edlen Walter von Klingen, Nöggenschwiel 1279 von den Freiherren von Krenkingen, Immeneich 1425 von denen von Dettingen, Weilheim 1480 von den Rumlang. Wollte man an 400-jährigem Besitze rütteln, so könnte keiner mehr bei dem Seinigen ruhig verbleiben.
Die Wälder haben ihre Einung geschlossen, gut, aber mit besonderer Gunst und der Erlaubnis sowohl des Erzhauses Österreich als auch des Gotteshauses St. Blasien. Das berechtigt sie nicht, daß sie ihre Einung ausdehnen könnten auf Kosten des Gotteshauses, sondern im Gegenteil, es fordert, daß sie sich und das Gotteshaus wider fremde und arwöhnende Leute schützen, daß sie die hergebrachten Freiheiten und Rechte des Gotteshauses schirmen sollen. Denn diese Rechte und Freiheiten hat St. Blasien erhalten, lange bevor die Einungen überhaupt bestanden.
Da steht geschrieben im Dingrodel aus dem Jahre 1467: "Item des Gotteshauses Leute und Hintersaßen, die sollen keine Einung nicht haben noch halten, weder sie untereinander noch sonst mit niemand, der wider einen Abt und das Gotteshaus zu St. Blasien ist. Sie sollen dem Heiltum, dem Abt und dem Gotteshaus gehorsam, treu und gewärtig sein."
Es wurde dem Gotteshaus verbrieft, daß keiner vom Wald davonlaufen darf, um in Waldshut oder an anderen Orten sich frei zu machen. Und wenn er sich irgendwo in der Grafschaft Hauenstein niederläßt, was ihm unbenommen ist, so kann er sich nicht manumittieren (=aus der Leibeigenschaft loskaufen) lassen, er bleibt immer dem Gotteshaus eigen.
Es ist auch die Abgabe des Fasnachtshuhns und die Leistung des Ehrtauens (=des Frondienstes) eine so große Beschwerde nicht, wie die Wälder vorgeben. Man muß auch bedenken, daß eine jegliche Ehe, die dem Gotteshaus verwandt ist, bei der Geburt jedes Kindes zwei Maß Wein und zwei Mäßle Mehl erhält. Und wenn einer den Ehrtauen verrichtet, so erhält er für das Tagwerk ebenfalls zwei Maß Wein und zwei Mäßle Mehl und dazu noch ein ziemliches Essen und einen Trunk, mithin fast mehr als das Tagwerk an sich selbst wert ist. Das alles genießen z.B. die Gotteshausleute von Säckingen nicht.
Es ist unschwer zu erkennen, daß die hauensteinischen Untertanen, wenn es ihnen gelingen sollte, die Eigenschaft und die davon abhängige Ehrerbietigkeit, Treue und Gehorsam gegen St. Blasien zu untergraben und nach und nach auf den Kopf zu stellen, sich nicht damit begnügen würden, sondern mit der Zeit auch Zinsen, Zehnten und Gefälle ablehnen würden, ja endlich gar - wie es leider anno 1412 und 1525 geschehen ist - das Gotteshaus mit Raub und Brand überzögen. Bei diesen Bauern bewirkt jedes Nachgeben nur den größten Undank.
Wenn sie das Wort "eigen" abschaffen wollen, so wollen sie auch alle Folgen der Eigenschaft abschaffen. Nach und nach trachten sie, das Gotteshaus freventlich um alle seine Rechte zu bringen, um sich dadurch ganz ungezäumt und frei zu machen.
Es wäre von unerhörter Konsequenz, wenn ein eigener Mensch seines Herrn Jura anfechten könnte, weil seinem freiheitsliebenden Geiste die Unterwerfung, die angeborene, ererbte und durch alle Rechte geziemende und schuldige Verpflichtung widerstrebte. Wenn einer erkennen würde, die Verpflichtungen seien zu beschwerlich, ergo sei es ihm erlaubt, sie abzuschütteln, so heißt das nicht, die alten Rechte zu suchen, sondern das heißt, den anderen um seine alten Rechte zu bringen.
Unter den Wäldern herrscht ein hochmütiger und allzu hoffärtiger, der Freiheit nachstrebender Geist.
Die Eigenschaft und Fahlbarkeit sind der einzige Zaum, dieselben in gebührender Schranke zu halten. Dem Gotteshaus bleibt der Trost, daß der Kaiser niemanden an dem Seinigen verkürzen läßt.
Die Erfahrenheit von einigen Saeculis her hat das Aufführen der Hauensteinischen Untertanen schon öfters an den Tag gelegt, und daß solche Empörungen von daher ihren Ursprung genommen, weil man diesen Bauern durch allerhand Schmeicheleien und dem Angeben, als wäre so viel an ihnen gelegen, mithin durch deren Extollierung (=Heraushebung) allzuviel flattiert hat.
Darum sage ich nochmals: Wenn man verlangt, daß das Gotteshaus seine Eigenleute manumittiert, (=freiläßt), so greift man ihm mit beiden Händen in die Augen, ja greift das Herz aller seiner im Schwarzwald habenden Rechte an und will es um all das Seinige bringen.
Da sei Gott vor!

Quelle: Aus dem Buch
Die Salpeterer,
Geschichte eines Freiheitskampfes auf dem südlichen Schwarzwald
Von E. Müller Ettikon
ISBN 3-921340-42-X

zurück