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Die Stimme des Wälders

Wir haben den Wald gerodet. Der Graf Hans hat uns die Freiheit gegeben.
Der Einzelne vermag nichts, darum haben wir uns zu Einungen zusammengeschlossen. In unserem Bundesbrief steht:
"Wir, die Einungsmeister und das ganze Land vor und hinter dem Haag mitsamt den Tälern Todtnau und Schönau, tun kund und zu wissen:
Da jeweils eine Gewohnheit und altes Herkommen bei uns gewesen ist, in allen Dingen einig zusammen zu halten, und wir uns aber seit kurzem her in etlichen Stücken und Handlungen voneinander gesondert, woraus viele Unfälle und Gebrechen für uns und für das Land entstanden sind, so haben wir uns neuerdings vereint, verpflichtet und verbunden, daß alle auf dem Wald hinfür in allen Sachen mit Tun und mit Lassen, sonderlich in Kriegen und in Feindschaften, eins zusammen sein und gehören wollen, wie vorher. Keiner soll sich vom anderen ziehen, sondern alle sollen einander helfen in Frieden und Unfrieden gegen männiglich, so sich wider uns setzet oder uns angreift. Die auf dem Walde sollen Volkes gegen den Feind stellen drei Teile, Todtnau und Schönau den vierten Teil; alles jedoch ohne Abbruch der Rechte des Hauses Österreich und der Abtei St. Blasien."
Und dieser erneuerte Bundesbrief wurde gegeben am Samstag vor Matthäi des Jahres 1433. Unser Wappen ist eine Tanne mit kräftigen Wurzeln. Fest gründen wir im Boden der Heimat. Der aufragende schlanke Stamm ist das Sinnbild unserer Freiheit. Die Äste zeigen, daß Ungleiches durch Einung ein schönes Ganzes bilden kann. Und der Gipfel versinnbildlicht das Streben, die Unabhängigkeit als höchstes Gut zu bewahren. Immer möge ihn der Wind der Freiheit umwehen.
Die Herde braucht ihren Hirten. Darum wählen wir am St. Georgitag (23. April) in jedem Ort der Einung unsere Einungsmeister. Jeder verheiratete Mann, ob Freibauer oder Leibeigener, ob reich oder arm, gibt seine Stimme.
Der Waldvogt darf bei der Wahl nicht anwesend sein!
Wenige Tage darnach ist "Landesrechnung" zu Görwihl. Es kommen die Neugewählten, es kommen der im Amte stehende Redmann und die alten Einungsmeister, es kommt der Waldvogt mit seinem Amtsschreiber und dem Bauernstatthalter, und es kommt viel Volk im Baumgarten unter freiem Himmel zusammen. Die alten Vorgesetzten werden ihres Amtes enthoben, nachdem sie Rechenschaft über das vergangene Jahr abgelegt haben. Die neuen werden in Eid und Pflicht genommen. Sie schwören, die Ehre Gottes, das Interesse des Landesfürsten und des Landes zu fördern, Schaden und Nachteil zu wenden und in allem ein gutes Aufsehen zu haben. Nach dem Eid wird von den neuen Einungsmeistern aus ihrer Reihe der Redmann bestimmt, und zwar muß er das eine Jahr von den Einungen ob der Alb, das andere Jahr von unter der Alb sein. Aber vor dem Eid der Einungsmeister muß der Waldvogt schwören, das alte Herkommen zu schützen und keine Neuerungen zu dulden.
Der oberste Hirte aber ist der Landesfürst aus dem allerdurchlauchtigsten Erzhaus Osterreich. Ihm haben wir geschworen, keinen anderen Herrn zu wissen oder anzuerkennen. Dafür haben die Herzöge, Erzherzöge, Könige und Kaiser uns ausgestattet mit vielen schönen Privilegien, Freiheiten und Rechten, von denen wir niemals lassen werden. Sie haben uns versichert, daß sie uns zu Handen behalten und nie mehr versetzen wollen in keinem Weg.
Man hat uns "halbe Schwyzer" genannt, aber die Eidgenossen ennet dem Rhein machten sich frei von der Pfauenfeder und erstarkten im Kampfe gegen Habsburg. Ein Stück Land nach dem anderen nahmen sie Österreich ab, sodaß man sie wahrhaftig "die Ländlistehler" nennen konnte. Wir aber ließen Blut und Leben für den Landesfürsten; und als die Eidgenossen im Waldshuter Krieg anno 1468 über den Rhein kamen, versuchten sie, uns zuerst durch die Überredungskunst des Luzerner Bürgermeisters Hasfurter, dann durch die Belagerung der Waldstadt und einen Zug in den Wald, auf ihre Seite zu ziehen, daß die Nordgrenze der Schweiz sich vom Feldberg zum Schluchsee hinzöge, aber wir hatten ein großes Verdrießen und gar keinen Gefallen an dem Plan.
Wenn nur nicht das Gotteshaus St. Blasien gewesen wäre! Der neue Abt Franziskus riß die Gebäude des Klosters nieder und wollte alles kostbarer und großartiger neu wieder aufbauen. Die Untertanen sollten es bezahlen. St. Blasien hat erreicht, daß eine löbliche Regierung zu Freiburg uns anhielt, dem Gotteshaus als eigene Leute, und zwar für tot und lebendig, zu schwören und den Abt als unseren Herrn anzuerkennen. Doch wir sind gewiß, der Kaiser weiß dies nicht, denn niemand kann zwei Herren huldigen.
Wenn wir dem Abte huldigten, so würden wir meineidig an unserem Landesfürsten.
In Jahrhunderten hat es das Kloster fertiggebracht, immer mehr freie Bauern in Abhängigkeit zu bringen als Leibherr, Grundherr und Niedergerichtsherr. Längst können die Freigerichte nicht mehr nur mit freien Richtern besetzt werden. Längst müssen mehr Gotteshausleute als Freie zu Einungsmeistern gewählt werden.
Wenn ein Freier eine Leibeigene heiratet, so folgen die Kinder der ärgeren Hand und werden leibeigen. Auch wenn eine Freie einen Gotteshausmann heiratet, so folgen die Kinder der ärgeren Hand und werden leibeigen. Wenn ein Freier auch nur einen Handbreit Boden vom Kloster leiht, so wird er bläsmisch.
Der Kaiser hat schon anno 1704 bestimmt, daß die getreuen Untertanen der Grafschaft Hauenstein nie mehr mit dem Wort "leibeigen" belegt werden dürften, daß die Ausdrücke "leibeigen" und "Leibeigenschaft" für alle Ewigkeit ausgetilgt sein sollten.
Aber der Abt sagte in schlauer Fuchsart: "Ob nun ein Untertan leibeigen oder eigen oder Gotteshausmann ist, das ist mir eines wie das andere, das ist ein Ding. Die Hauptsache ist, daß die Praestanda (=Leistungen) mir zukommen. Und darauf muß mir die gesamte Grafschaft Hauenstein den Eid der Treue leisten."
Doch, so sagen wir, der Praelat hat von dieser Grafschaft weniger zu begehren als der Teufel von einer unschuldigen Seele.
Man hat uns als Rebellen verschrien, hat Soldaten ins Land geschickt und uns gezwungen, dem Abt zu huldigen. Wer den Eid nicht leisten wollte, den hat er auf erbärmliche Weise bestraft und in die Armut gestürzt. Er hat etliche nach Freiburg, etliche nach Belgrad, etliche nach Ungarn in die Gefangenschaft führen lassen. Er hat andere henken und köpfen lassen. Er hat die jungen Burschen unter die Soldaten stecken lassen. - Doch andere hat er beschenkt. Die Ungerechten hat er erhöht und die Gerechten erniedrigt. Den Kaiser hat er beraubt an seinen Untertanen und hat ihm ein Kleinod seiner Erblande verderbt und verheert.
Gott, der allerhöchste Richter, ist Zeuge, daß wir auf keinerlei Weise Rebellen gewesen. Denn wir kämpften nur für die Erhaltung unserer alten Rechte!
Es wird ein jeder klar sehen, daß der Herr Praelat von St. Blasien wider alle Rechte und Gebote vor Gott und den Menschen ungerecht und böse gehandelt hat, wenn er sich mühte, daß niemand, weder Mann, Weib und Kind in der Grafschaft der Eigenschaft des Gotteshauses entgehen konnte.

Quelle: Aus dem Buch
Die Salpeterer,
Geschichte eines Freiheitskampfes auf dem südlichen Schwarzwald
Von E. Müller Ettikon
ISBN 3-921340-42-X

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